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DIE ZERTANZTEN SCHUHE

Die Rheinpfalz, Rüdiger Krohn, 12.11.2012

Immer wenn es auf der Bühne hochhergeht, wenn Slapstick, komödiantische Einlagen und drollige Situationen das Spiel bestimmen, zeigen die Kinder sich fröhlich agitiert, wogegen sie bei reinen Text-Passagen verhaltener reagieren. In der weiträumig offenen, zart koloriertenSzene und den adretten Kostümen von Susanna Cholet entfalten die sieben spielfreudigen Darsteller, die bis auf eine einzige Ausnahme für das „Weihnachtsmärchen“ mit Gastverträgen zusammenengagiert wurden,einen kurzweiligen Theaterspaß, der zwar ein wenig zäh beginnt, bald aber tüchtig an Fahrt gewinnt. Insbesondere die seltsamen Prinzessinnen (hier sind es nur vier) sind sorgsam gegeneinander konturiert und zu amüsanten Studien ausgestaltet: Kerstin Fuchs als feinfühlige Tilda, Lydia Fuchs als forsche Zita, Jannika Jira als entzückend kapriziöse Cloe und Carla Weingarten als kesse Merle. Ihnen steht Helge Gutbrod als erfrischend beherzter Soldat Anton gegenüber, während Matthias Rott als halb besorgter, als autoritärer König und Katharina Halus als etwas steifleinene Aufpasserin Johanna (sowie als mysteriöse Alte Frau) die Spielschar abrunden. Heimlicher Star der Aufführung war eine lebende, dressierte Taube, die brav auf der Hand der Alten saß und bisweilen sogar aufflog, um dann prompt zurückzukehren. Details wie dieses gaben der Einstudierung eine anschauliche, liebenswürdige Lebendigkeit, während die Choreografie von Reginaldo Oliveira, die die Prinzessinnen zur heiteren Musik von Udo Koloska zu einem reichlih willkürlichen Cross-Tanz zwischen Ballett, Pantomime und Groteske anhält, ein wenig effektarm blieb.

BNN, Isabel Steppeler, 06.11.2012

Es piept nicht ganz richtig bei Cloe, Zita, Merle und Tilda. Lerche, Taube, Amsel und Nachtigall haben von den vier Töchtern Besitz ergriffen. Ihr Spuk treibt sie Nacht um Nacht aus den Federn aufs Parkett. Was aber genau vorgeht, wenn die blonden Prinzessinnen jeden Morgen mit Löchern in den am Vorabend noch unversehrten Sohlen ihrer silbernen Hochglanz-Ballerinas erwachen, weiß keiner. Vater König ist verzweifelt. Und einer selbsterfüllenden Prophezeiung gleich sperrt er sie mit einem liebevollen „Gute Nacht, meine Täubchen!“ ins Schlafgemach. Wie befürchtet, werden sie wieder „davonflattern“. Nur Anton, einem ausgemusterten Soldaten, gelingt es endlich, das abgekartete Spiel der flügge gewordenen Töchter zu durchkreuzen. Er hat auf den Rat einer alten Frau gehört und nicht von dem betäubenden Wein getrunken. Jetzt hält Anton Tilda, die Älteste, ganz sanft am Fuß, bevor sie erneut mit ihren Schwestern ins magische Orange abtaucht. Elektrisierend – nicht nur für Tilda. Das neue Weihnachtsmärchen am Badischen Staatstheater hat seine prickelndsten Minuten erreicht. Wieder strömen skurril rhythmisierte Streicherakkorde aus dem Lautsprecher, äußerst wirkungsvoll komponiert von Udo Koloska. Zusammen mit der Choreografie von Reginaldo Oliveira und der von Susanne Cholet in surreales Türkis getauchten Schaukasten- Bühne gewinnt dieser letzte Tanz der vier Schwestern das gewisse gruselig- märchenhafte Etwas. Helge Gutbrod, der von Anfang an einen hervorragend nass-forschen Anton bietet, kostet das Katz-und-Maus-Spiel noch einige Takte aus. Er reißt der einen neckend einen Streifen vom fließenden Kleid, wirbelt die andere umher, schnappt sich schließlich die auserwählte Tilda und: zieht sie ganz nah an sich heran. „Was macht der jetzt?“ ruft eine erregte Kinder-Stimme aus dem Publikum und erweist der Regie (Annette Büschelberger) damit größte Ehre. Der spannendste Augenblick hat sein Ziel nicht verfehlt. „Wenn der Morgen sieht ein Paar, ist der Bann gebrochen“. Ein Kuss, es wird hell und alle Fünfe verausgaben sich noch einmal mit einem zwischen Schuhplattler und Zumba schillernden, lateinamerikanisch infizierten Tanz und fallen in den verdienten und endlich auch erlösten Schlaf. Annette Büschelberger hat das Märchen nach den Brüdern Grimm in ein bezauberndes, wenn auch gelegentlich etwas gewollt flapsiges, Spiel gegossen. Der lustlos nölige Ton mag hervorragend zum gebrochenen Anton passen, bei den sonst so heiteren Schwestern Jannika Jira (Cloe), Lydia Fuchs (Zita) und Kerstin Ohlendorf (Tilda) stört er. Erfrischend frech und zickig dafür Carla Weingarten (Merle). Katharina Halus spielt eine nüchterne Kammerzofe Johanna und besticht als geheimnisvolle Alte. Großen Eindruck hinterlässt neben Helge Gutbrod auch Matthias Rott als König. Und wieder ist eine Zauberhand am Werk, die jungen und erwachsenen Besuchern das Weihnachtsmärchen gleichermaßen versüßt. Denn was wäre ein Kindertheater wert,wenn Eltern sich langweilen? Das kann hier nicht passieren.

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