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PETER GRIMES

Stuttgarter Zeitung, Uwe Schweikert, 09.07.2013

... Alden verdichtet die Handlung immer wieder zu beklemmenden Massenszenen, die sich schließlich in pogromartiger Lynchjustiz entladen, nachdem auch Grimes' zweiter Lehrjunge ums Leben kommt.
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Dabei gelingen ihm mit Suzanne McLeods deftiger Wirtin, ihren beiden geilen Nichten (Melanie Spitau und Lydia Leitner), Steven Ebels faschistoidem Methodistenprediger, Gabriel Urutia Benets lüsternem Apotheker und der opiumsüchtigen, hinter Grimes herspionierenden Mrs. Sedley (Katharine Tier im Margret-Thatcher-Look) treffend zugespitzte Charakterporträts.
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Entscheidenden Anteil am Gelingen des Abends hatte, neben dem großartigen Karlsruher Chor, nicht zuletzt die unter Justin Brown sich selbst übertreffende Badische Staatskapelle. Dass Britten für den alle Mitwirkenden befeuernden Brown Herzenssache ist, war in jedem Takt zu hören. Brown gelang dabei das Kunststück, die Härte und herbe Schönheit von Brittens polystilistischer Partitur, ihre eruptiven Ausbrüche wie meditativen Momente gleichermaßen heraus zu modellieren, aber auch ihre sarkastisch verfremdete Folklore etwa in der Barmusik oder in den Shanties gestisch zu akzentuieren und bruchlos in den Ablauf des Ganzen einzubetten. Musikalischer Höhepunkt war die große Orchesterpassacaglia, in der Britten die Stummheit, in die Grimes sich mehr und mehr zurückzieht, auf erschütternde Weise als seelisches Psychogramm zum Ausdruck bringt. Alles in allem eine hörens- und sehenswerte Aufführung!

Mannheimer Morgen, Eckhard Britsch, 12.07.2013

Selten, dass einem Opernhaus eine Produktion gelingt, in der Musik und Szene, politischer Bezug und emotionale Berührtheit eine glückhafte Synthese eingehen.
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Die ob der Naturgewalten illustrative Musik, die seelische Spannungszustände fein ausmalt, wird von Justin Brown am Pult der Badischen Staatskapelle ebenso souverän wie sensibel, effektvoll und pulsierend gestaltet. Perfekt die Kongruenz mit dem großen, intensiv beschäftigten Chor (Ulrich Wagner studierte ihn ein), überzeugend das Zusammenwirken mit den von Doey Lüthi kostümierten
Solisten. Heidi Melton versucht als verwitwete Lehrerin, dem Fischer Halt zu geben. Mit starker Ausstrahlung singt der EXMannheimer Jaco Venter den Kapitän Balstrode. Suzanne McLeod (Wirtin), Katharine Tier (eine am Opium hängende Witwe), Renatus Meszar (Bürgermeister), Gabriel Urrutia
Benet (zwielichtiger Apotheker), Lucas Harbour (Fuhrmann),
Eleazar Rodriguez (Pfarrer) sowie Melanie Spitau und Lydia Leitner als lebenslustige Mädels vervollständigen neben vielen anderen Figuren das ausgezeichnete Ensemble.
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Kurzum: ein musikalisch und szenisch großer Abend.

BT, Nike Luber, 08.07.2013

... Aus der Dorfgemeinschaft, die den Sonderling Grimes zunehmend ausschließt und anfeindet, wird bei Alden eine faschistoide, aufgehetzte Masse.
Das funktioniert, denn ob ein Mob politisch, religiös oder einfach aus schwierigen Lebensumständen heraus sich auf die Suche nach einem Opfer macht, spielt für den auserkorenen Sündenbock keine Rolle.
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John Treleaven kennt diese Partie in- und auswendig, er bringt die Verzweiflung des Peter Grimes ebenso überzeugend zum Ausdruck wie seine Träume und seine obsessive Suche nach allgemeiner Anerkennung. Heidi Melton ist mit ihrer leuchtenden Sopranstimme eine Ellen, die als Einzige an das Gute glaubt. Beiden gelingen musikalisch sehr intensive Momente.
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Generalmusikdirektor Justin Brown und die Badische Staatskapelle machen aus dieser Oper ein orchestrales Ereignis. Gerade in den sechs Zwischenspielen bringen sie Brittens transparente, feinnervige Musik in all ihren Facetten zum Leuchten. Wunderbar klangschön spielen die Holz- und Blechbläser, die Harfe setzt ätherische Akzente, die Streicher illustrieren das Meer von windstill bis stürmisch

Die Rheinpfalz, Karl Georg Berg, 09.07.2013

... Das genaue Wissen um die Struktur dieser Musik und der Wille, deren Leidenschaft konsequent auf den Punkt zu bringen, sind die Basis für Justin Browns phänomenale Wiedergabe der Partitur am Pult einer in Bestform spielenden Badischen Staatskapelle. Die Fülle und Modulationsfähigkeit des Klangs ist ebenso ein Ereignis wie die faszinierende Vielfalt der Farben. Hinzu kommen ein zwingender expressiver Nachdruck und eine nie nachlassende Spannung. Die gestalterische Kraft des absolut souveränen Dirigats von Justin Brown ist in der Tat kongenial, weil sie all die vielen Facetten der Werks zur klingenden Wirklichkeit werden lässt.
... Ausgezeichnet präsentiert sich der in dieser Oper viel geforderte Chor und Extrachor in der Einstudierung von Ulrich Wagner.
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BNN, Isabel Steppeler, 08.07.2013

... Neben der besonders durchsichtig und dynamisch kostbar aufspielenden Badischen Staatskapelle muss man unbedingt auch den Hut ziehen vor dem Staatsopernchor, einstudiert von Ulrich Wagner, der den Part des hetzenden Volkes mit Inbrunst verkörpert. Selten drückt man sich so in seinen Sitz wie jetzt im dritten Akt, wenn der Chor ganz vorne am Bühnenrand steht und drohend „Peter Grimes“ ruft. Das muss man erleben....

...Alden versteht es sehr gut, Charakterstudien zu zeichnen. Den Apotheker Ned Keene lässt er als psychisch gestörten Mitläufer auftreten und hat mit Gabriel Urrutia Benet einen sehr guten Sängerdarsteller dafür. Auch John Treleaven besticht in seiner Paraderolle als Grimes, versetzt sich tief in die Lage des gebrochenen Gehetzten und kann schließlich in seinem Schlussmonolog auch stimmlich überzeugen.

Pamina Magazin, Christine Gehringer, 10.07.2013

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Dieser Opernabend wird eine Sternstunde für die Staatskapelle, die mit ihrem GMD Justin Brown ebenfalls einen Briten am Pult hat. Düster braut sich die See in der Sturmflut zusammen, dann wiederum zerstäubt die Musik in zarten Lichtreflexen, und ebenso delikat werden die Hauptpersonen - Peter Grimes und Ellen Orford - vom Orchester behandelt.
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Auch die beiden Hauptdarsteller überzeugen: Als Peter Grimes gelingt es John Treleaven, einen Charakter zu schaffen, mit dem man Mitleid empfindet, über dessen Untiefen und Brüche man allzu gerne mehr erfahren möchte. Berührend auch Heidi Melton als Ellen Orford - eine treue Seele, die Grimes aber am Ende nicht helfen kann, ebenso wenig wie sein Freund Balstrode (Jaco Venter).
Heidi Melton beeindruckt einmal mehr mit ihren weichen Melodiebögen ...

Opernnetz.de, Eckhard Britsch, 07.07.2013

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Ein Unfall, konstatiert die Untersuchungskommission, doch Zweifel bleiben, und Grimes, diese zerrissene Persönlichkeit, wird noch mehr zum Außenseiter. Das Badische Staatstheater Karlsruhe zeigt in der Inszenierung von Christopher Alden sehr einsichtig diese Verklammerung von innerer Qual und gesellschaftlicher Einflussnahme bis hin zur Pogromstimmung, der sich Grimes nur noch per Flucht ins Meer entziehen kann.
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Das Bühnenbild von Charles Edwards unterstützt diese Sicht durch einen großzügigen Bühnenraum. Hier findet die Armenspeisung ebenso statt, denn die Dorfbevölkerung in England um 1938 erlebt Armut, was auch in den Kostümen von Doey Lüthy nicht grobschlächtig, sondern mit dezentem Geschmack angedeutet wird.
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In der musikalischen Darstellung von Justin Brown mit der ausgezeichneten Badischen Staatskapelle verdichtet sich das Drama unaufhaltsam. Brown dirigiert punktgenau, entwirft großartige Klangbilder, in die der riesige Chor bestens eingebettet wird, und intime Szenen gerade in der Begegnung von Grimes mit der Dorflehrerin, die ihm beistehen möchte und dennoch an seiner unzugänglichen Art scheitert. In der Titelpartie glänzt darstellerisch und mit wuchtigem Tenor John Treleaven, der Grimes-Spezialist des letzten Jahrzehnts. Ihm zur Seite Heidi Melton als Lehrerin Ellen Orford; ihr Sopran spricht gut an, ist immer präsent und setzt Akzente berückender Schönheit.
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