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JAKOB DER LÜGNER

BNN, 24.04.2012

Vielleicht sollte Günter Grass erneut nach Karlsruhe kommen. Dort hatte jetzt „Jakob der Lügner“ im Badischen Staatstheater Premiere. In der Bühnenversion des Romans von Jurek Becker stellt sich ein Erzähler die Frage: Gab es Widerstand? Und er muss sich eingestehen: Statt sich den Demütigungen und Repressionen der deutschen Machthaber zu widersetzen, befolgen die Juden unterwürfig jedes Verbot, das ihnen von den NS-Schergen auferlegt wird. Dieses Dulden hat nach dem Ende des nationalsozialistischen Terrors eine Diskussion nach sich gezogen, die bis heute nachwirkt. Sie ist nicht zuletzt für das Selbstverständnis Israels von Bedeutung. Die Botschaft ist einfach, denn es geht um Leben und Tod. Sie lautet: Wir wollen nie wieder Opfer sein. Nie ... Jakob der Lügner ist ein Opfer. Dass seine Geschichte in Erinnerung bleibt – dafür sorgt der Erzähler, der zugleich Überlebender und bis zu einem gewissen Grad Repräsentant der Familiengeschichte des 1997 verstorbenen Autors ist ... In Karlsruhe ist André Wagner dieser Erzähler. Die tiefsten, unmittelbar berührenden Momente des Abends sind nicht zuletzt ihm zu danken. Wagner hält eine beklemmende Balance zwischen verzweifelter Coolness und lässiger Traumatisierung: ein neutraler Beobachter, den die schmerzhafte Vergangenheit immer wieder einholt ... Der Regisseur Martin Nimz und sein Bühnenbildner Sebastian Hannak lassen sich erst gar nicht verleiten, ein künstliches Ghetto-Ambiente herzustellen: Die Bühne ist ein gleichsam bodenloses Gelände voller orangefarbener Schaumstoffkugeln. Früchte, Geröll, Spielbälle – die Bedeutung ist offen. Selbst den Judenstern können sie symbolisieren. Der über allem lastende Terror wird eher unterschwellig vermittelt, erst gegen Ende der dreistündigen Inszenierung wird die mörderische Realität mit Sirenen und Schüssen in den Theaterraum geholt ... Dazwischen geht es munter, überdreht und im ersten Teil ziemlich langatmig klamaukig zu, wobei neben Wagner insbesondere Axel Sichrovsky, als Gast mit leiser Melancholie dafür sorgt, dass der Spaß nicht total aus dem Ruder läuft ... Eindrucksvoll Cornelia Gröschel, die Jakobs Pflegetochter Lina mit allen Facetten einer widerborstigen Göre unterlegt samt der Angst eines früh verwaisten Kindes. Gespenstisch, wie Gunnar Schmidt einen bürgerlichen Ex-Nazi gibt ... Gestrafft wäre es ein starker Abend geworden. So stimmt er wenigstens nachdenklich.

Rheinpfalz, 03.05.2012

Wichtige Akzente erhält die Inszenierung durch das Bühnenbild von Sebastian Hannak, der Tausende von Kunst-Orangen zu gewaltigen Halden türmt, aus denen er dann allfällige Requisiten ausbuddeln und zu rudimentären Szenenbildern arrangieren lässt. Diese Lösung schafft einen betont fremden, abstrakten Rahmen als sonnige Folie zum düsteren Geschehen ... Axel Sichrovsky gibt dem Jakob betont unheldische Statur und berührt durch die suggestive Unmittelbarkeit seiner konzentrierten Darstellung. Timo Tank ergreift durch die wahrhaftige Eindringlichkeit und stille Größe des jüdischen Arztes Kirschbaum eine kleine und doch nachwirkende Szene. Cornelia Gröschel spielt das durch Schmerz entkindlichte Kind Lina fern aller Sentimentalität als seelisch versehrte, verzweifelte Göre, und Jonas Riemer macht aus seiner kleinen Rolle des frommen Herschel einen großen, anrührenden Moment. "Jakob der Lügner" am Staatstheater hat bemerkenswert viele solcher großartigen, tief bewegenden Szenen, in denen das Ensemble dank vorzüglicher Einzelleistungen die Herzen der Zuschauer erfasst, ohne auf das Tremolo billiger Betroffenheit zu setzen.

Badisches Tagblatt, 24.04.2012

Dreieinhalb Stunden dauerte die Aufführung des Stücks "Jakob der Lügner" nach einem Drehbuch und einem Roman von Jurek Becker. Mit vermeidbaren Längen und Wiederholungen, mit vielen unnötigen Szenen und viel Hin- und Hergerenne zweier Schauspieler ... Dabei ist der Stoff mehr als nur interessant und passt auch gut zum Spielzeitmotto des Theaters: "Helden". Denn Jakob ist ein Held wider Willen, eher aus Gutmütigkeit. Zufällig hört er, dass die Rote Armee nur noch 40 Kilometer vor Bezanika steht und sagt es einem seiner polnischen Ghettomitbewohner, um ihn vor einer tödlichen Dummheit zu bewahren. Natürlich will der wissen, woher Jakob das weiß, und Jakob behauptet, er habe ein Radio, was im Ghetto natürlich verboten ist. Dann muss er weiterlügen, muss gute Nachrichten erfinden, weil die Menschen wieder Mut schöpfen und keiner mehr an Selbstmord denkt. Auch die Konstruktion des Stücks ist eigentlich gut: Ein Erzähler ist vorgeschaltet, der laut darüber nachdenkt, wie es möglich ist, über all das zu schreiben. Dem es nur unter Schmerzen gelingt, der sich regelrecht daran abarbeitet und, der das eindimensionale Spiel immer wieder klug durchbricht ... Zwar gab es durchaus gelungene Momente, die vor allem den Schauspielern zu danken sind. Der nachdenkliche Anfang, mit dem André Wagner als Erzähler die Bühne einnimmt, die hysterischen Anfälle von Cornelia Gröschel, die Lina spielt, ein junges Mädchen, das auf dem Dachboden versteckt wird, und besonders die selbstbeherrschte Fassung von Axel Sichrovsky, der kurzfristig für den erkrankten Georg Krause in der Titelrolle eingesprungen ist. Viel Unnötiges überwog leider.

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