Navigation einblenden

WALLENBERG

Gabor Halasz, Die Rheinpfalz, 11.07.2012

Tod und Verklärung

Die letzten Szenen des Stücks sind auskomponierte Satiren - mit Trivialklängen, Marschrhythmen und tönenden Banalitäten - auf die Legendenbildung und den Heldenkult um Wallenberg. Auf den Ikonenstatus, hinter dem die reale Person letztlich verschwindet. Im Schlussteil wird der authentische Wallenberg dementsprechend von einem in heldentenoraler Manier bramarbasierenden „Wallenberg zwei” verdrängt. In Karlsruhe stand Dirigent Johannes Willig für eine einleuchtende Wiedergabe der Komposition, bei intensivem Nachdruck, ein. Tobias Kratzers Inszenierung verzichtete auf psychologisierenden Realismus und setzte stattdessen auf surrealistische Momente, Traum- und Albtraum-Bilder und stellte im zweiten, sowjetischen, Teil eindringlich den Verfall von Wallenbergs Persönlichkeit, seine Entindividualisierung dar. Bei den Massenszenen gelangen ihm überdies aussagestarke bildhafte Einstellungen. Eine imponierende Leistung lässt sich dem vielköpfigen Karlsruher Ensemble und dem von Ulrich Wagner vorbereiteten Chor bescheinigen.

Heinz W. Koch, Badische Zeitung, 10.07.2012

Der Schindler von Budapest

Der Komponist ist ein musikalisches Chamäleon. Er spielt mit den Stilen, den Mitteln, den Klangsprachen. Da kann ein ganz leises Streichersirren mit Glöckchenzirpen darin Atmosphäre verbreiten. Diese Musik kann in den Rap verfallen und wenn von Wallenbergs anfänglicher Talentlosigkeit in diversen Berufen die spöttische Rede geht, auch ins Refrain-gleiche Walzern wie im Musical. Sie kann in der Nachbarschaft des Minimalismus rhythmisch repetitiv rattern, und Tüür kann’s gehen wie Hindemith auch schon: Wenn ihn das Espressivo mit sich fortreißt, ist alle intellektuelle Distanz dahin. Ein Beispiel: das Solo der Frau, die ihren schwedischen Schutzpass zurückgibt, weil sie nicht aus Zufall überleben mag. Ina Schlingensiepen steigert sich mit Emphase in diese wenigen Zeilen hinein. Bei dem – aus Freiburg stammenden und in Kenzingen aufgewachsenen – Ersten Kapellmeister Johannes Willig und der Badischen Staatskapelle ist Tüür in erstklassigen Händen. Ganz und gar erstrangig ist der Wallenberg, der im etwas abgewetzten Frack die Vorgänge aus seiner Erinnerung heraufruft: Tobias Schabel, ein bassbaritonal bis in die strapazierfähige Höhe großzügig ausgestatteter Ausdruckssänger. Wenigstens einer noch aus dem kopfstarken Ensemble: Matthias Wohlbrecht mit einem Charaktertenor, der sich angemessen wichtigtuerisch breitmacht. Er ist jener "Wallenberg zwei", der sich aus der gedächtnislos gewordenen Gestalt abspaltet und als ihr Mythos, ihr show act posiert. Das Wallenberg-Denkmal, vor dem sich das begibt, steht in Budapest. Es wurde im Mai von den wiedererwachten Rechtsradikalen geschändet.

Otto Paul Burkhardt, Südwestpresse, 09.07.2012

Politische Oper am Badischen Staatstheater

Das Ensemble? Famos. Allen voran Tobias Schabels Wallenberg, der mit schönen, dunklen Kantilenen fesselt und am Ende ungläubig eben dieses eigene Denkmal in einer goldglänzenden Jeff-Koons-Version betrachtet, das ihn als Kraftriesen im Kampf mit einer Schlange zeigt. Erst recht die Musik: Die Badische Staatskapelle unter Johannes Willig holt aus der Partitur des Ex-Rockmusikers Erkki-Sven Tüür enorm viel Dramatik heraus – perkussive Rhythmen, Rap-Passagen, grelle Blech-Attacken, magische Streicher- und schwebende Vibraphon-Klänge. Regie, Sänger, Musik – im doppelten Wortsinn fabelhaft. Lang anhaltender Premierenjubel.

Jörn Florian Fuchs, Die Deutsche Bühne Online, 11.07.2012

Surreal-konkrete Bilder

Den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt die unter die Haut gehende Inszenierung von Tobias Kratzer. Kratzer und sein Bühnenbildner Rainer Sellmaier lassen alles in einem Einheitsraum mit Aktenschränken, einem herab gestürzten Lüster und einem Holzverschlag spielen. Im zweiten Teil des Abends wird das Ganze zum Museum um tapeziert. Die Nazischergen sind mit Schweine-Masken ausgestattet, Eichmann trägt eine grüne Strumpfmaske und grüne Handschuhe, die verfolgten Juden haben gelbe Masken mit großen Nasen. Kratzer gelingt dabei eine perfekte Balance aus konkreten und surrealen Bildideen – schlicht meisterhaft!

Rüdiger Krohn, Badische Neueste Nachrichten, 09.07.2012

Starker Applaus für die Opernpremiere „Wallenberg“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind – und politische Opern. Zusammen mit dem Librettisten Lutz Hübner schrieb der estnische Komponist Erkki-Sven Tüür, der in seiner Heimat zunächst als Rock-Musiker bekannt wurde, 2001 seine „Wallenberg“-Oper, die jetzt am Karlsruher Staatstheater kurz vor dem 100. Geburtstag des Verschollenen auf die Bühne kam. In wirkungsvollen Kontrasten stehen da die brutale Ekstase der bestialischen Nazi-Tötungsmaschinerie und die schreienden Dissonanzen der gequälten Opfer neben dem oratorisch anmutenden Gesang der Juden auf ihrem Todesmarsch und den trivialen Einlagen im ironisch gefärbten „Wallenberg-Zirkus“, im dem der grelle Popanz „Wallenberg 2“ triumphiert. Die Badische Staatskapelle unter Johannes Willig wird der orchestralen Wucht der Partitur mit suggestiver Kraft und Transparenz gerecht.

Nike Luber, Badisches Tagblatt, 09.07.2012

Mutig nimmt sich Karlsruhe des heiklen Polit-Stoffes an

Getragen wird die Oper vom intensiven Spiel des Ensembles und des Chors. Tobias Schabel gibt einen idealistischen Wallenberg, der im Wettlauf gegen die Zeit so viele Menschen rettet, wie er nur kann. Die Oper sorgt für mehrere direkte Konfrontationen mit Eichmann, dem Judenverfolger. Renatus Meszar verleiht dieser Figur eine gruselige zynische Verspieltheit. Unter all den engagiert gespielten und gesungenen Soli von Verfolgten, Mithäftlingen, Soldaten und Diplomaten fällt Ina Schlingensiepen auf. Sie hat als Überlebende, die ihrer ermordeten Familie freiwillig in den Tod folgt, einen der wenigen musikalisch herausgehobenen Momente in dieser Oper. Zu diesen Momenten gehört auch der Chorsatz nach einem Text aus dem Alten Testament. „Wallenberg“ ist auf jeden Fall eines: Stoff zum Nachdenken.

WELT ONLINE, 08.07.2012

Ovationen für politische Oper

Die letzte Opernpremiere der Saison am Badischen Staatstheater bildet den Auftakt zu einer neuen "Programmlinie": politische Oper mit aktuellen Themen. Das klingt erstmal sperrig. Kommt aber gut an.

Manfred Roeder, dpa, 08.07.2012

Kratzer inszeniert "Wallenberg" im Staatstheater

Tobias Kratzers realistische, oft ironisch gebrochene Inszenierung zog die Zuschauer am Samstagabend unmittelbar in den Bann. Das Solistenensemble und die Badische Staatskapelle unter Johannes Willig setzten Tüürs teils komplexe, teils musicalhafte Musik perfekt um. Am Schluss gab es in Karlsruhe Ovationen für alle Mitwirkenden.

Der schwedische Lebemann und Diplomat Raoul Wallenberg gehört zu den faszinierenden Figuren des 20. Jahrhunderts. Der Spross einer Bankiers- und Unternehmerfamilie geriet 1944 eher durch Zufall in eine Rettungsaktion für ungarische Juden. 100.000 Juden rettete er mit Schutzpässen und unmittelbaren Verhandlungen mit den Nazis vor der Ermordung. Er verhandelte mit SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann und wurde zu dessen direktem Gegenspieler.

Tüürs Musik ist brillant orchestriert. Ein Drittel des Orchestergrabens besetzt das reichhaltige Schlagwerk. Der estnische Komponist, Jahrgang 1959, ist studierter Percussionist und hat als Kopf der erfolgreichen Rockband "In spe" einschlägige Erfahrung. Die Partitur changiert zwischen harten atonalen Blechbläsergewittern, schrägen Walzern, eingängigen Chören und lyrischen Gesangslinien. Der Karlsruher Opernchor unter Leitung von Ulrich Wagner zeigt sich von seiner besten Seite.

Navigation einblenden