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DIE TROJANER I & II

Überall Tod, Süddeutsche, Egbert Tholl, 27.10.2011

Von einem der Toten, dem Geist von Hector, erhält der Held Aeneas den quasi göttlichen Auftrag, sich übers Meer zu retten und Rom zu gründen. Dieser Geist steht in der Partitur. Aber wie er hier herumschleicht, in den Karthago-Akten Didos supermodernes, luftig offenes Zuhause inspiziert, dort seinen Speer in den Olivenbaum rammt wie Wotan sein Schwert für den kommenden Helden - das ist ziemlich großartig, weil unheimlich. Schon allein weil Avtandil Kaspeli wirklich ausschaut wie das wandelnde böse Gewissen des Krieges. Der Tod ist hier allgegenwärtig, er haust auf den Schlachtfeldern wie im Untergrund unter Didos Domizil, welcher sichtbar wird, wenn sich die Drehbühne virtuos in drei konzentrischen Kreisen bewegt. Freilich: Auch Didos Karthago ist nicht die pure Heiterkeit. Das Volk, das viel vom Segen der Agrikultur singt, trägt leicht maoistisch inspirierte Kutten, Didos Schwester gibt sich gleich paramilitärisch und Dido selbst sieht aus wie die Erntedank-Königin einer blühenden Kolchose. Didos Reich so als Einheitsstaat zu begreifen, ist nicht neu; es gibt ein Missbehagen gegenüber diesem auf Teufel komm raus prosperierenden Staat. Auch das ist nicht neu, aber sehr gut erzählt, deutlich, ohne Gegenwart als bloßes Dekor zu stark zu betonen. Wirklich erstaunlich sind die Gesangsleistungen. Bis auf eine Ausnahme sind alle Solisten Ensemblemitglieder, auch der tapfere John Treleaven, dem, in der hier besprochenen zweiten Aufführung, Lance Ryan in den Karthago-Akten die wuchtige Stimme leihen musste - Aeneas war krank. Bis in die Nebenrollen macht der Gesang Freude, viel lyrischer Wohlklang ist zu entdecken, bei den ihre jeweiligen Teile beherrschenden Damen Casandra und Dido, Christina Niessen und Heidi Melton, auch große Dramatik. Aber die größte Wucht hat der Chor. Großartig. Quer vor dem Graben, im Zuschauerraum verteilt oder kompakt auf der Bühne: Der Klang sitzt, die Artikulation ist perfekt.

Diesseits und jenseits der Kunst, Stuttgarter Nachrichten, Susanne Benda, 24.10.2011

Sprechender könnte das Bild nicht sein: Mitten im Strom der Zuschauer, die am Freitagabend nach gut fünf Stunden Oper das Badische Staatstheater verlassen, verteilen dessen neuer Generalintendant Peter Spuhler und sein Chefdramaturg Bernd Feuchtner das erste Exemplar ihres Theatermagazins. (…) „Du musst dein Leben ändern“, zitiert der Intendant Rainer Maria Rilke und den Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk – obwohl er das fordernde Hilfsverb „im Nachhinein schon sehr deutsch“ findet. „Die Menschen“, betont er aber, „sollen hier etwas mitbekommen, das sie interessiert und irritiert.“ Das Interessante und Irritierende in der Oper war zum Auftakt nun Hector Berlioz‘ monumentaler Zweiteiler „Les Troyens“: Da machen Chormassen das Theater zur riesigen Raumklangbühne, und Generalmusikdirektor Justin Brown gibt gemeinsam mit der Badischen Staatskapelle der Partitur, was französische Musik braucht: Sprache und Spannung, Klang und Klarheit.

Neubeginn in Karlsruhe: Nach 121 Jahren kehren LES TROYENS von Berlioz an den Ort ihrer Uraufführung zurück, Klaus Heinrich Kohrs, FAZ, 21.10.2011

Die Toten bleiben in Hermanns im Arbeitsbündnis mit seinem Bühnenbildner Christof Hetzer enstandener Deutung allgegenwärtig – erzürnt, wie mit Bleigewichten auf den Lebenden lastend, vorwärtstreibend, damit all der Wahnsinn nicht gänzlich umsonst gewesen sein möge. „Les morts irrités“ aus Troja sind es, das haben sie ganz genau gelesen, die im 5. Akt immer mächtiger ins Geschehen einwirken und Aeneas’ Trennung von Dido schließlich erzwingen werden. Und wenn am Ende von Didos und Aeneas’ großem, rituellen Duett, das den glückseligen Augenblick festzuhalten sucht, die beiden Liebenden symbolisch aufwärtssteigen, dann erscheinen unter ihnen als lebendes Bild in laokoonhafter Streckung und Verkrümmung die Toten aus Troja: Hector, nicht der von Berlioz vorgesehene Götterbote Mercur, singt abermals seine gnadenlose Weisung: nach Italien! So ähnlich hatte Berlioz das ursprünglich auch geplant, aber Bedenken von Freunden, das fragwürdige dramaturgische Mittel von Geistererscheinungen überzustrapazieren, hatten ihn zur Reduktion bewogen. Hermann nun wendet den Weg: Progressiv radikalisiert er den Gedanken und macht ihn zur Leitidee des ganzen Werks – eine ingeniöse Wendung, die das Berliozsche Konzept zu sich selbst befreit. Und eine zweite Befreiung für den Strategen großer Raumwirkungen und der Attacke aufs Publikum findet in Karlsruhe statt. Was Berlioz in Requiem und Te Deum so grandios erprobt hatte – den Dialog von Orgel und Orchester über das ganze Kirchenschiff hinweg, die vier Fernorchester des „Tuba mirum“– das nimmt er, den Opernkonventionen entsprechend, in „Les Troyens“ wieder zurück, obwohl das alles in der musikalischen Faktur enthalten ist – man muss es nur freilassen. Hermann/Hetzer machen das nicht nur bei der Einholung des trojanischen Pferdes, sondern auch beim großen Oktett mit Doppelchor, das auf Aeneas’ Botenbericht vom Todesdrama des Laokoon folgt: ein Husarenstück der Aufteilung des riesigen Apparates auf Bühne und Zuschauerraum, das das Publikum ganz unmittelbar in den starren Schrecken hineinzieht.

Überall da, wo es gelingt, ist der Karlsruher Chefdirigent Justin Brown nicht nur ein unersetzlicher Partner, sondern auch die treibende Kraft. Selten hörte man die Finessen der französischen Prosodie so präzise und variabel zugleich. Mit feinen Temponuancen und kaum merklichen rhetorischen Zäsuren bei zugleich immer frischen Zeitmaßen gelingt ihm die Modellierung disparater Seelenregungen auf kleinstem Raum innerhalb der klassizistischen Grundverfassung des Werks. Hier ist auch die Badische Staatskapelle, die in den scènes de force gelegentlich etwas pauschal klingt, spürbar in ihrem Element.

Opera-Cake.blogspot.com, 16.10.2011

Les Troyens gone blue in Karlsruhe: David Hermann offers the best production of this opera ever, and Heidi Melton rocks  

I am enchanted. The musical treat of rare quality, and a magnificent production by David who I knew/felt was capable of delivering this big a show (he and Christof Hetzer.) Who the hell is Heidi Melton? A jawdropping Didon in all departments: Didon of the century, no less. Orchestra, chorus, maestro... Amazing!

Hohe Schule des Erhabenen - Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau, 18.10.2011

Mit ihrem Opern-Einstand konnte sich die neue Karlsruher Theaterleitung sehen und noch mehr hören lassen. Der derzeitige Karlsruher GMD Justin Brown betrachtet Berlioz (neben Schostakowitsch) als Herzensangelegenheit. Nun vollbrachte er erneut eine packende, phänomenale Leistung. Nicht nur, dass durch das fünfstündige Werk ein gleichbleibender Feueratem, ein großräumig-heroischer Zug hindurchging – auch im klanglichen Detail zeigte sich diese Arbeit hochmotiviert und zuverlässig. Diese Trojaneroper ist insbesondere ein Wunderwerk phantasievoller und avancierter Instrumentationskunst und aller erdenklichen Ausdrucks-Facetten des „Erhabenen“ (vom Kriegs- und Staatsprunk bis zum Pomp funèbre). Orchester und Chor (einstudiert von Ulrich Wagner) zeigten sich auf bestem Niveau.

Auftakt mit neuem Intendanten: das Badische Staatstheater führt LES TROYENS von Hector Berlioz auf - Götz Thieme, Stuttgarter Zeitung, 17.10.2011

Es gibt einen guten Grund, nach Karlsruhe zu reisen: LES TROYENS, Hector Berlioz‘ Grand opéra in fünf Akten. Je öfter dieses jedes Theater bis an die Grenzen fordernde Werk aufgeführt wird, desto mehr enthüllt sich seine Originalität, seine Kraft. (...) Ein großer Abend des Orchesters. (...)

Jubel für farbige Deutung - Isabel Steppeler, BNN, 17.10.2011

Mal ist es Blut, bald rinnt es als blausaures Kalium von selbstmörderischer Kraft aus den Händen der Trojanerinnen, und immer wieder erscheint der blaue Schatten längst Verstorbener. Mehr und mehr brennt sich das Blau in diesen fünf Stunden in Karlsruhe in die Köpfe der Zuschauer, bis es einem schließlich eiskalt den Rücken hinab läuft: Der Freitod der verlassenen Dido kündigt sich als blaues Rinnsal an. Bilder von eindringlicher Kraft bringt ein junges Regieteam hier auf die Bühne und entlässt ein einstimmig begeistertes Publikum.

Berlioz-Oper DIE TROJANER in Karlsruhe gefeiert - dpa, 17.10.2011

Die Oper steht und fällt mit den beiden weiblichen Hauptrollen, Kassandra und Dido. Über die Uraufführung berichtete der Pariser Figaro am 10. Dezember 1890: „In Carlsruhe regnet es Soprane.“ Auch die Soprane der aktuellen Neuauflage singen und spielen fulminant.

Neue Programmlinie mit französischen Opern - Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung, 17.10.2011

Das brachte für alle Beteiligten einen durchschlagenden Erfolg und das Gefühl, der mit nur kleinen Abstrichen äußerst bühnenwirksamen Aufführung eines großen, selten realisierten Werks beigewohnt zu haben. Der Weg nach Karlsruhe lohnt also. Regisseur David Hermann und Bühnen- und Kostümbildner Christof Hetzer verzichten auf jede zusätzliche thematische Aufsplitterung und halten sich seriös an Libretto und Partitur. Zuerst zeigt die Bühne die Verteidigungsanlagen von Troja, die die Griechen bekanntlich nur mit List überwanden: In diesem Fall mit einem großen schwarzen Zeppelin, der – in Form einer Handgranate verschnürt – über die Zuschauerköpfe und die hölzernen Sperren hinweg auf die Bühne schwebt. Für die Akte 3 bis 5, die in Karthago spielen, ist auf die Schräge ein auf vielen Ebenen bespielbares Interieur gebaut, und mit einem halben Dreh erhält man Einblick in die Unterwelt und Didos Sterbekammer – ein Scheiterhaufen wird nicht gebraucht. Das alles ist intelligent gemacht und reduziert zugleich den szenischen Aufwand auf ein geringes, für Klarheit sorgendes Maß. Die Inszenierung wendet sich insgesamt vom spektakulären Äußeren hin zum inneren Seelendrama, vom blutigen Schlachtfeld und einer dramatischen Kassandra-Musik, hin zum selbstverzehrenden Liebestod der Dido.

121 Jahre nach der Uraufführung: LES TROYENS wieder in Karlsruhe - Nike Luber, Badisches Tagblatt, 17.10.2011

Klanggewaltig besingt der Chor im Zuschauerraum die Schönheit von Königin Dido, sie selbst schreitet nach einer staatstragenden Ansprache huldvoll wie die Queen durch die Menge. Heidi Meltons schöne, schlanke, mühelos tragende Stimme eroberte schon in diesem Moment das Karlsruher Publikum. Das Idyll ist nicht von Dauer. In Didos transparente, blumengeschmückte Welt brechen die Trojaner ein. Nicht mit Gewalt, aber ihr martialischer Auftritt setzt sie deutlich von den Karthagern ab. Didi verliebt sich in den trojanischen Anführer Äneas. Alles könnte gut werden. In einem hinreißenden Duett feiern Heidi Melton und John Treleaven als Äneas ihre Liebe. Aber während sie noch singen, tauchen die Geister der Vergangenheit auf.

Glanzvoller Saisonstart - Eckhard Britsch, opernnetz.de, 17.10.2011

Ein bombastisches Werk, voll glühender Musik und durch großen dramaturgischen Aufriss von extremer Wirkung: LES TROYENS (Die Trojaner) von Hector Berlioz (1802-1869). Das Badische Staatstheater Karlsruhe gönnt sich jetzt zu Beginn der Intendanz Peter Spuhler als Saisoneröffnung die Aufführung einer zweiteiligen Oper, die zu den größten und anspruchsvollsten der Musikgeschichte gehört. Und besteht diese Feuerprobe, während der Ensemble, Chor und Orchester aufs Äußerste gefordert werden, glanzvoll. Kassandra, Christina Niessen mit perfektem Stimmsitz und intensiver Ausstrahlung gesungen, wird für irre gehalten, ihre Liebe zu Choröbus zerbricht. Armin Kolarczyk leiht ihm samtenen Bariton. Der trojanische Held Äneas, Bruder des als Schattenfigur präsenten Hector, ist naturgemäß mit einem Heldentenor besetzt. John Treleaven zeigt große Bühnenpräsenz und erfüllt die hoch gesetzten Erwartungen, einige gesundheitlichen Problemen geschuldete, unsaubere Spitzen eingeschlossen. Der Chor hat schon in diesem Teil Extreme zu bewältigen: der Freudenjubel zuerst, das Grauen danach, wenn das böse Omen um Laokoons Seeschlangen-Tod reflektiert wird. Ulrich Wagner hat Chor und Extrachor glänzend vorbereitet. Die junge Amerikanerin Heidi Melton singt die große Partie der Dido mit bestürzend großer Ausdruckspalette zwischen zarter Innigkeit, wähnendem Wüten und explosiver Höhe: attraktiver Gesang und passgenaues Spiel. Im reichhaltigen Personal der antiken Mythologie gefallen unter anderen der prächtige, dunkle Bass von Konstantin Gorny als karthagischer Minister, der feine Tenor von Eleazar Rodriguez als Iopas, die zauberhafte Mezzosopranistin Karine Ohanyan als Anna, Schwester der Dido, Stefanie Schaefer in der Hosenrolle des Askanius, Bariton Lucas Harbour als Äneas-Freund Panthus, Florian Kontschak mit kernigem Bariton als griechischer Anführer und Sebastian Kohlhepp mit weichen Lyrismen als Matrose.

Alter Mythos fesselnd erzählt - Elena Gorgis, dradio.de, 17.10.2011

Die vier Stunden Spielzeit vergehen schnell. Wohl auch deshalb, weil David Hermann behutsam auf die Regieanweisungen und die Klangsprache des Komponisten eingeht und dennoch eigene, ausdrucksstarke Bilder findet.

Perfekter Trojanischer Krieg - Stefan Dettlinger, Mannheimer Morgen, 17.10.2011

Der kleine Keil unter der Bühnenschräge dient herbeigedreht als klaustrophobischer Raum, in dem die Angst des Einzelnen herrscht – oder Dido ihre dramatische Todes- und Rachearie singt. Und Heidi Melton singt das sehr gut, mit Innigkeit, Kultur und einer Stimmgröße, von der man vielleicht noch andernorts viel hören wird. Karlsruhes Chef Justin Brown ist phänomenal. Mit Staatskapelle und Opernchor schafft er einen ungeheuer leichten und durchsichtigen, trotzdem aber äußerst dramatischen und französisch gefärbten Klang, der bestens mit der Bühne abgestimmt ist. Ach ja: Das Trojanische Pferd ist hier ein riesiger schwarzer Kokon, der unheimlich durch den Saal fliegt. In Karlsruhe ist das nicht einmal witzig oder lächerlich. Es macht Angst.

Statt Helden fremdgesteuerte Luschen - Sigrid Feeser, Die Rheinpfalz, 17.10.2011

Dass Berlioz‘ „Monumentalschinken“ der Auferstehung harre, ist ein Gerücht, das sich hartnäckig hält. David Hermann gilt als Hoffnungsträger, und da darf man schon fragen, ob dieses grandiose Stück so konventionell-betulich über die Bühne gehen muss. Hermann und sein Ausstatter Christof Hetzer versuchen gar nicht erst davon abzulenken, dass die Trojaner eigentlich ziemliche fremdgesteuerte Luschen sind, die in kollektiver Verblödung und schlafanzugartiger Kostümierung ihrem von den Göttern vorgegebenen Schicksal hinterherrennen. Im zweiten, dem in Karthago spielenden Teil der Oper wird es richtig operettig. Fast zu schön, wie sich die gute Königin Dido im (leider sehr unvorteilhaft geschneiderten Blumenkleid) vom Balkon des Zuschauerraums aus an ihr friedlich an der neuen Stadt Karthago bauendes Volk wendet. Und schon ist man fasziniert von der jungen, frisch engagierten amerikanischen Sopranistin Heidi Melton, die nicht nur das beste Französisch des Abends singt, sondern auch in Hinsicht auf Stilsicherheit, Geschmack und Rollenbeherrschung ja doch: Maßstäbe setzt.

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