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JAKOB DER LÜGNER

Philipp Horn schrieb am 04.11.2012:

Gestern Abend habe ich mir "Jakob der Lügner" angeschaut. Eine sehr sehenswerte Produktion, die ein ausverkauftes Haus verdient hätte! Besonderst gut haben mir Georg Krause, André Wagner, Frank Wiegand, Benjammin Berger & Gunnar Schmidt gefallen.Aber auch alle anderen Rollen sind gut besetzt.
Sicherlich hätte man im 1.Teil ein wenig kürzen können,aber die Kritik im "Badischen Tagblatt & in den BNN" geht an der Sache vorbei! Gruß Philipp Horn

hannes kray schrieb am 08.07.2012:

Von Anbeginn dieser Spielzeit hat mich die Frage beschäftigt, inwieweit dieses Gästebuch bzw. andere Formen der Auseinandersetzung mit der Arbeit am Badischen Staatstheater tatsächlich Wirkung zeigen, ob also an einer Inszenierung noch einmal gearbeitet wird, wenn die Kritiken von außen das eigentlich verlangen würden. Deshalb ging ich am letzten Freitag noch einmal in eine Vorstellung von "Jakob der Lügner". Meine Kritik bezüglich der Premiere ist hier nachzulesen. Und in der Tat, an diesem Abend ging ich mit einem ganz anderen Eindruck aus dem Theater. Die Verantwortlichen hatten tatsächlich an der Inszenierung gearbeitet. Der erste Teil, von mir beim letzten Mal noch als recht langweilig beschrieben, kam dieses Mal wesentlich straffer, wesentlich akzentuierter und spannender daher. Natürlich lag das auch daran, dass nun der Jakob von dem Schauspieler gespielt wird, der diese Rolle von Anfang an spielen sollte, aber auch die einzelnen Szenen hatten ein wesentlich besseres Tempo, die Momente des Leerlaufs in der Premiere waren verschwunden. Am deutlichsten wurde dies in der Schlussszene des ersten Teils, diese slapstickartige Nummer von Jakob und Kowalski, in der sie sich in eine glückliche Zukunft träumen und gengenseitig hineinsteigern. Jetzt funktioniert diese Szene einwandfrei. Und last but not least, jetzt dauert der erste Teil 15 Minuten weniger und hat genau die richtige Länge. 15 Minuten zu viel können sich ganz schön lang anfühlen. So wandert diese Inszenierung in meiner Gesamtbeurteilung von den eher mittelmäßigen zu den guten und ich gewinne den Eindruck, dass die Reaktion des Publikums sich auf die Entwicklung der Inszenierungen auswirkt. Und das ist schön so.

Jan Linders schrieb am 26.04.2012:
Sehr geehrter Herr Kray,

ich fürchte, mit Sachargumenten komme ich im Dialog mit Ihnen nicht weiter. Für Ihr subjektives Gefühl ist der Naziterror nicht deutlich genug gezeichnet. Für mich hingegen ist dem Regieteam genau die Gratwanderung der sensiblen Feinzeichnung gelungen. Übrigens tritt mit Preuß sowohl im ersten wie im zweiten Teil ein zweiter Nazi auf. Und so wie der erste Teil scheinbar leicht und unbeschwert daherkommt, so endet der zweite Teil mit akustisch wie optisch keinesfalls leicht zu nehmenden Bildern. Ich kann also nur jeden interessierten Zuschauer auffordern, sich selbst sein Bild zu machen.

Und nach wie vor würde ich mich über ein persönliches Gespräch mit Ihnen von Angesicht zu Angesicht freuen.

Jan Linders
Schauspieldirektor
hannes kray schrieb am 26.04.2012:

Sehr geehrter herr Linders, Tut mir leid, wenn ich das sagen muss, aber Sie haben meinen Artikel offenkundig nicht sorgfältig genug gelesen. Es geht nicht darum, Heerscharen von Nazis auftreten zu lassen, oder leugnen zu wollen, dass die Juden Humor hatten, ganz und gar nicht. Es geht darum, die Fallhöhe zwischen dem Grauen und dem trotzdem vorhandenen Humor der Juden zu zeigen, was im übrigen Jurek Becker vorzüglich gelingt. Nur indem das Grauen spürbar wird, wird der Witz umso grausamer. Wenn aber, wie im ersten Teil, das Grauen fast vollständig ausgeblendet wird, dann wirken auch die Witze schal. Und um dieses Grauen im Theater zu zeigen, braucht man bestimmt keine platten Bilder von herumtobenden Nazischergen, aber das Gefühl von Terror muss man in der Inszenierung spürbar machen.

Jan Linders schrieb am 26.04.2012:
Sehr geehrter Herr Kray,

Geschichte aufarbeiten können meines Erachtens nur Historiker, Quellenforscher, Wissenschaftler. Die Künste können mit ihren Mitteln erinnern, Erfahrungen vermitteln, zum Nachdenken anregen. Ich weiß nicht, ob Sie den so traurigen wie komischen Roman von Jurek Becker einmal gelesen haben. Ihm gelingt es, das Grauen der Ghettos zu zeichnen, ohne Heerscharen von Nazis aufmarschieren zu lassen. Im Gegenteil: Das Grauen ist doch gerade deswegen so groß, im Roman wie in der wissenschaftlich aufgearbeiteten Geschichte, weil wenige Täter eine große Zahl an Opfern erniedrigen und ermorden konnten. Doch die menschlichste aller Regungen, das Lachen, konnten die Nazis auch den Juden im Ghetto nicht nehmen. Bitte gestatten Sie es auch jedem einzelnen Zuschauer, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen: Lachen ist im Theater ebenso passend und erlaubt wie Weinen, Applaus ebenso wie Buhrufe.

Sprechen Sie mich bei Ihrem nächsten Besuch gern einmal an - Sie erkennen mich (und meine Dramaturgenkollegen) am Namensschild.

Mit freundlichen Grüßen,
Jan Linders
Schauspieldirektor
hannes kray schrieb am 24.04.2012:

Anders als Volker Kramer und Martin Burger verließ ich diese Premiere eher enttäuscht ob der vertanen Chance ein wichtiges Thema der deutschen Geschichte wirkungsvoll aufzuarbeiten. Was hatte ich gesehen: Bis zur Pause (nach fast zwei Stunden) einen reichlich langweiligen, langatmigen, mit lustig-sein-sollenden Mätzchen versetzten eindimensionalen Einblick in das Leben im jüdischen Ghetto gegen Ende des zweiten Weltkrieges. Warum eindimensional? Die Darstellung komischer Situationen angesichts des grauenhaften Hintergrundes wirkt nur dann wirklich erschütternd und eindrucksvoll, wenn diese Dialektik auch gezeigt wird. Wenn sich aber die Unterdrückung durch die Nazis nur in Form eines einzigen Bewachers (Robert Besta) manifestiert und man ansonsten nur Menschen dabei zuschaut, wie sie mehr oder weniger angestrengt und mit allerlei Klamauk durch den Tag kommen, dann wird von dem tatsächlichen Grauen, das in diesem Ghetto geherrscht haben muss, nichts spürbar. Daran ändern auch die Premierenclaqueure im Publikum nichts (eine Unsitte an allen Theatern), die meist an völlig unpassenden Stellen ostentativ laut lachten, was letztlich nur einen peinlichen Eindruck hinterließ. Hätte man die im Überfluss eingesetzten Videoprojektionen nicht auch dafür benützen können, den Terror, das Grauen zu verdeutlichen? Ein weiterer merkwürdiger Aspekt dieser Inszenierung war der Einsatz von Liedern. Was haben italienische Schlager bzw. Ennio Morricone Melodien hierbei verloren? Vor allem letztere wirkten auf mich angesichts der Assoziationen, die diese bewirken, einfach nur daneben. Was wollte man damit ausdrücken? Die Zeitlosigkeit des Geschehenen? Für mich kommt lediglich Verharmlosung und Beliebigkeit rüber. Dr zweite Teil dieses viel zu langen Abends (mindestens eine halbe Stunde sollte man kürzen) ist dann deutlich dichter und intensiver, kann aber den schwachen Eindruck des ersten Teiles nicht mehr wettmachen. Die schauspielerischen Leistungen waren unterschiedlich. Positiv zu erwähnen André Wagner als Erzähler, der zeigt, dass man mit Sprachbeherrschung bisweilen eindrückliche Momente erzielen kann, andererseits Klaus Cofalka-Adamit als Herr Frankfurter, der den Schachbesessenen miemen muss, dies aber nur mit sichtlicher Mühe und einem völlig aufgesetzten Aktionismus schafft. Alles in allem keine Offenbarung und schon gar keine Steigerung im Schauspiel. Hier sieht die Bilanz nach etwas Zweidritteln der Spielzeit für mich sehr durchwachsen aus.

Martin Burger schrieb am 23.04.2012:

Wie Volker Kramer bin auch ich sehr beeindruckt und betroffen aus diesem großartigen Abend gekommen. Die schauspielerische Leistung des gesamten tollen Ensembles ( Kompliment für die einfühlsame Besetzung),das zwischen brüllkomischen Sequenzen und tief-emotionalen Szenen souverän den Bogen spannte, die passenden Kostüme und Frisuren -...Frank Wiegard !!!- oder die wieder einmal aussergewöhnliche, überraschende und daduch um so wirkungsvollere Bühne. Mein grosser Respekt an alle Beteiligten. Auch diese Inszenierung zeigt den positiv steigenden Trend unseres Schauspiels.

Volker Kramer schrieb am 23.04.2012:
Stehe noch immer unter den Eindrücken dieser bewegenden Inszenierung. Das hervorragende Ensemble wurde angeführt vom wunderbaren André Wagner und dem "Einspringer" Axel Sichrovsky. Ein großer Abend mit tragikomischen Elementen, an dessen hoffnungslosem Ende mir Tränen in den Augen standen. Vielen Dank allen Beteiligten.
Rolf-Dieter Siegel schrieb am 22.04.2012:
Herzlichen Dank für diese öffentliche Generalprobe.Sie ist, wie ich finde, sehr gelungen.

Trotz krankheitsbedingter Ausfälle,
die nur allzu menschlich sind,
war es eine gute Vorstellung.

Hier ein besonderer Dank an den Gastschauspieler Axel Sichrowsky,
der sehr kurzfristig den wichtigen Part des Jakob übernahm.

Mir persönlich geben die Schauspiel- Aufführungen in dieser Spielzeit sehr viel, sie sind sehr spannend und sehr anspruchsvoll.
Es wird sehr viel und dynamisch gearbeitet, so macht es den Eindruck.

Weiter so, und bleibt bitte alle fit und gesund, sodass wir Euch noch lange geniessen können!

Viele Grüße
Rolf Siegel
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