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BREIVIKS ERKLÄRUNG in der Diskussion

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Intensiv beteiligte sich das Publikum an der 90 minütigen Diskussion, die zum Gastspiel Breiviks Erklärung. Öffentlicher Filmdreh am Dienstag abend im STUDIO gehörte. Die deutsch-türkische Schauspielerin Sascha Özlem Soydan verlas in einer Nachstellung der Prozesssituation das Eröffnungsplädoyer des wegen 77-fachen Mordes verurteilten Rechtsterroristen Anders Breivik. Im Anschluss diskutierten die Theatermacher mit Experten: Der Schweizer Regisseur Milo Rau, der sich mit Reenactments von politischen Prozessen einen Namen gemacht hat, schilderte seinen Ansatz, den Text des norwegischen Massenmörders in der Öffentlichkeit des Theaters in seiner bedrohlichen Langeweile auszustellen. Sascha Özlem Soydan beschrieb ihr Erschrecken über die Banalität der Argumentation und die Notwendigkeit, den Rassismus nicht zu dämonisieren, sondern zu analysieren. Der Karlsruher Bundesanwalt Rainer Griesbaum, Leiter der Abteilung Terrorismus, beschrieb die verblüffende Wirkung, eine üblichen Rechtfertigungserklärung nicht als Schuldeingeständnis werten zu müssen, sondern im Theater als Dokument zur Aufklärung wahrnehmen zu können. Rechtsterroristische Taten und Bewegungen, die es in Deutschland seit den 50er Jahren gebe, seien erst durch die NSU-Ermittlungen in den Fokus der Medienöffentlichkeit gerückt. Der Frankfurter Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll analysierte den Effekt, dass die Bewegung des Textes, einen gemeinsamen Feind (die von Breivik so genannten „Kulturmarxisten“) zu fassen, in der Aufführung mit umgekehrten Zeichen wiederholt werde: der sich entlarvende Feind sei der Rechtsterrorist. Theater könne als öffentliches Forum scheinbar geschlossene Thesen und Phänomene öffnen, zur Diskussion stellen – die Aufgabe des Urteils sei dem Zuschauer gegeben.

Breiviks Erklärung ist als eine der zehn besten Inszenierungen junger Regisseure zum Festival Radikal Jung an das Volkstheater München eingeladen. Das Schauspiel präsentierte die Produktion in seiner Reihe von Gastspielen aus der freien Szene mit dem Schwerpunkt Interkultur. Die Schauspielerin Sascha Özlem Soydan ist in der Rolle der Medea wieder am 22. und 29.3. sowie 3.4. im STUDIO zu sehen.

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